«Ich habe keine Angst».

Ein Tre­f­fen mit dem unter­ge­tauchten Schrift­steller Roberto Saviano

700 000-mal verkaufte sich Roberto Savianos Buch «Gom­or­rha. Reise in das Reich der Camorra». Der doku­men­tarische Best­seller ver­schaffte dem 28-jährigen Autor aber auch Mord­dro­hun­gen. Jetzt muss er sich ver­stecken. Seine kämpferische Hal­tung hat Saviano beibehalten. 

Maike Albath

Brü­tende Hitze liegt über Neapel. Vor dem Teatro San Carlo fächeln sich die Haus­meis­ter Luft zu, Angestellte eilen zur Mit­tagspause, eine Dame zieht einen japsenden Hund hin­ter sich her, auf der Via San Carlo braust der Verkehr Rich­tung Piazza Trento e Tri­este. Das kugel­sichere Auto mit dem Blaulicht auf dem Dach würde man sofort erken­nen, hatte uns Roberto Saviano ver­sichert. Wenn es denn käme. Nach mehreren Tele­fonaten, Nachrichten auf Mail­boxen, ersten Verabre­dun­gen und einem let­zten Gespräch vor einer Vier­tel­stunde mit genauen Anweisun­gen – «In fün­fzehn Minuten gehst du die Treppe hin­unter und stellst dich vor den Ein­gang des Gebäudes. Wir holen dich dort ab» – lässt er jetzt auf sich warten. Es ist nicht leicht, einen unter­ge­tauchten Schrift­steller zu tre­f­fen. Roberto Saviano, 28 Jahre alt, aus der Kle­in­stadt Casal di Principe gebür­tig, Absol­vent der philosophis­chen Fakultät in Neapel und seit knapp einem Jahr eine nationale Berühmtheit, lebt seit neun Monaten unter Polizeis­chutz. Seine Woh­nung in den wim­mel­nden Quartieri spag­noli der Innen­stadt von Neapel musste er aufgeben, an Ves­pafahrten durch die Gassen ist nicht mehr zu denken, zwei Cara­binieri sind zu seinen ständi­gen Begleit­ern gewor­den, sein neuer Wohnort ist geheim. «Ich bewege mich nur im Auto durch die Stadt, zu Fuss geht es momen­tan nicht», hatte er am Tele­fon erk­lärt; auch einen Tre­ff­punkt vorher zu verabre­den, sei zu unsicher.

Ständi­ger Polizeischutz

Jetzt biegt ein Wagen um die Ecke, das Blaulicht ist aus. Wir steigen ein. Roberto Saviano trägt Jeans, T-Shirt, Turn­schuhe und kön­nte ebenso gut ein Stu­dent sein. «Meine Schutzen­gel», stellt er die bei­den Cara­binieri vor, vier­schrötige Män­ner in Zivil. Acht­tausend Stun­den habe er bisher mit ihnen ver­bracht, erk­lärt er. Heute Vor­mit­tag waren sie auf der Staat­san­waltschaft, wo Saviano für neue Artikel recher­chiert. Es geht um die Mül­lentsorgung, eben­falls ein Erwerb­szweig der Camorra. «Ich lege mich mal wieder mit den pezzi grossi an, mit wirk­lich schw­eren Jungs», erk­lärt er mit einem schüchter­nen Lachen und schiebt seine Son­nen­brille auf die kahle Stirn. Wird ihm die Pub­liz­ität nicht zur Last? «Ger­ade weil ich jetzt so viel Beach­tung finde, muss ich das nutzen», erwidert Saviano. «Wenn ich denen auch noch zeige, dass ich Angst habe, kann ich es gle­ich vergessen. Ich muss reagieren.»
Wir rauschen durch die Stadt, abgeschot­tet von Hitze und Lärm, auf der Suche nach einem ruhi­gen Restau­rant. Roberto Saviano ist auf sym­pa­this­che Weise zuge­wandt; er redet schnell, ein Knallerb­sen­gepras­sel aus Sätzen, die er mit wedel­nden Gesten unter­stre­icht. Wie kleine Tiere bewe­gen sich seine Hände durch die Luft, geben den Rhyth­mus vor. Wir unter­hal­ten uns über den eigen­tüm­lichen Zauber Neapels, der zwis­chen Schön­heit und Gewalt oszil­liert. Ohne diese Stadt könne er nicht leben, trotz allem. «Viele meiner Fre­unde haben sich zurück­ge­zo­gen. Aus Angst. Ich kann das ver­ste­hen, aber es macht mir schon etwas aus», sagt er mit einem nach­den­klichen Blick. Wir steuern ein erstes Restau­rant jen­seits der Piazza Munici­pio an: zu laut, zu viele Leute. Num­mer zwei wird von dem Cara­biniere gecheckt: eben­falls ungün­stig. Das dritte passt. Die Besitzer begrüssen Roberto Saviano ehrfürchtig. Sie wis­sen, wer er ist. Wir eini­gen uns auf die Speise­folge, unsere Begleiter nehmen am Neben­tisch Platz.
«Das Innen­min­is­terium hat meine Sicher­heitsstufe noch ein­mal erhöht», sagt Saviano. «Dass ich die Bosse auf ihrem Ter­ri­to­rium ange­grif­fen habe, hat sie belei­digt.» Auf lokaler Ebene ist die Camorra in Neapel seit Jahrzehn­ten ein grosses Thema: Die Zeitun­gen berichten täglich über die Ver­wick­lun­gen von Poli­tik, Wirtschaft und organ­isiertem Ver­brechen, es gibt Son­der­beila­gen, Forschung­sein­rich­tun­gen, Inter­net­foren. «Alles, was in meinem Buch vorkommt, weiss in Neapel jeder Polizeire­porter. Jedes Detail», erk­lärt Saviano. Aber der junge Schrift­steller hat es ver­standen, die Fak­ten zu einem erzäh­lerischen Stoff umzu­for­men. Die Camorra besass wegen ihrer kom­plexen Struk­tur seit je weniger Glam­our als die Mafia und hatte es trotz den über 100 Toten pro Jahr sel­ten auf die Titel­seiten der nationalen Blät­ter geschafft. Seit «Gom­or­rha» erschienen ist, redet man über die Camorra, in ganz Italien.

Fasz­i­na­tion eines Mythos

Roberto Saviano hat nicht nur Berge von Pro­tokollen gele­sen, Akten durch­forstet, Gericht­sprozesse ver­folgt. Er ist jahre­lang mit seiner Vespa durch Scampia, Sec­ondigliano, Parco Verde gefahren, hat Jugendliche aufgestöbert, Bekan­ntschaften geschlossen, den Polizei­funk abge­hört, Augen und Ohren aufges­perrt. Ohne seine Herkunft aus dem Camorra-verseuchten Casal di Principe hätte sich der Arzt­sohn nie für dieses Thema inter­essiert. «Mich haben die Bosse natür­lich auch fasziniert.» In seinem Buch spüre man ihren Mythos, das gebe er ganz offen zu. «Es ist keine abge­tren­nte Welt, ich bin da mit­ten­drin aufgewach­sen. Vor allem für Burschen sind die Camor­risti ein Rol­len­mod­ell. Um meine Mut­ter zu schock­ieren, habe ich früher auch drei Ringe getra­gen, so wie das die Killer bei uns taten.»
Dass Macho-Allüren bei Mäd­chen und Frauen gut ankom­men, sei eben­falls wichtig. «Aber ich habe dann schon früh begrif­fen, dass ich Farbe beken­nen musste.» Saviano erin­nert sich an die Beerdi­gung zweier Burschen, die indi­rekt von der Camorra getötet wor­den waren. Don Pep­pino Diana habe die Messe gehal­ten, der Priester, der dann 1994 von der Camorra ermordet wurde, «da war ich sechzehn». Auf der Beerdi­gung habe Don Pep­pino gesagt: «Für mich ist es nicht wichtig zu wis­sen, wer Gott ist. Für mich ist es wichtig zu wis­sen, auf welcher Seite ihr steht.» Das hat Saviano nie wieder vergessen. Als in Casal di Principe 2002 auch noch der Gew­erkschafter Carmine del Prete beseit­igt wird, kennt Saviano seinen Auf­trag schon: Er muss die Funk­tion­sweise der Camorra begreifen und darüber schreiben.
Das Essen wird serviert. Wir disku­tieren über die Ver­schmelzun­gen legaler und ille­galer Aktiv­itäten. In vie­len Gebi­eten ist die Camorra zu einem Wirtschafts­fak­tor gewor­den. «Die Camorra baut ger­ade keinen Gegen-Staat auf, das ist Unsinn», meint Saviano. Vielmehr nutze sie das Vakuum. In den Vororten nennt man sie «das Sys­tem», als sei sie der eigentliche Staat. «Ein Geschäfts­mann in Neapel kann heute über die Camorra ein ganzes Paket an Leis­tun­gen erhal­ten: zuver­läs­sige Fir­men für Umbauten, gün­stige Ver­sicherun­gen, Kred­ite, die Garantie, dass seine Ware pünk­tlich ein­trifft und dass sein Laden nicht überfallen wird.» Dreis­sig Prozent ihres Umsatzes investiert die Camorra in legale Aktiv­itäten. Wie kön­nen der­ar­tige Unter­wan­derun­gen ver­mieden wer­den?
Nur auf nationaler und inter­na­tionaler Ebene liesse sich das lösen, sagt Saviano. Die Ver­gabe öffentlicher Aufträge müsse völ­lig verän­dert wer­den. Solange der den Zuschlag bekommt, der die gün­stig­sten Kon­di­tio­nen anbi­etet, haben die Fir­men der Camorra immer die besseren Karten. Ein aktuelles Beispiel kon­nten wir an den Rän­dern Neapels schon besichti­gen: die Müll­berge. Der Zynis­mus der Camorra ist nicht zu überbi­eten. «Ich habe heute mor­gen die Abhör­pro­tokolle der Tele­fonge­spräche von einem Boss nachge­le­sen, ein Müll-Pate, der ton­nen­weise Gift­müll aus Nordi­tal­ien in seiner Deponie gelagert hat», erzählt Saviano. «Als ihn sein Untergebener darauf hin­wies, dass jetzt das Grund­wasser verseucht werde, erwiderte der Boss: Na und, wir trinken doch sowieso Mineralwasser!»

Der Tod ist eine Ware

Die Camorra kennt nur eine Regel: das Geschäft. In ihrer men­schen­ver­ach­t­en­den Logik wer­den auch Leben und Tod zur Ware. Wer wirk­lich mächtig sein will, riskiert alles, auch das eigene Leben. Wird ihm jetzt para­dox­er­weise nicht das­selbe Spiel auf­genötigt? «Ich habe keine Angst zu ster­ben. Daran denke ich als Let­ztes, obwohl es mich vielle­icht beschäfti­gen sollte», antwortet der junge Mann ernst, «aber ich habe Angst vor Dif­famierun­gen, auch von Leuten, die auf der­sel­ben Seite ste­hen. Man wirft mir Kalkül vor, so als sei mein Erfolg strate­gisch geplant gewe­sen, was überhaupt nicht stimmt. Mir ist das Prob­lem klar, schliesslich gibt es hier in Neapel viele Camorra-Experten. Dann komme ich, so ein junger Typ, der glaubt, alles durch­schaut zu haben, und werde plöt­zlich zu einem Sym­bol für den Kampf gegen die Camorra. Ich habe mir das nicht aus­ge­sucht. Aber diese Bezich­ti­gun­gen machen mich fer­tig. In solchen Momenten fühle ich mich ein­sam.»
Auch Neid wird eine Rolle spie­len. In Neapel kur­sieren böse Stim­men, die den Per­so­n­en­schutz für übertrieben hal­ten. Eine wirk­samere Reklame für sein Buch könne es gar nicht geben; wenn die Camorra Saviano wirk­lich für gefährlich hielte, wäre seine Mut­ter schon längst im Säure­bad gelandet. Aber ver­mut­lich ist es genau diese Hal­tung, die den Kampf gegen das Ver­brechen und die moralis­che Ver­wahrlosung so schwer macht. Es scheint kein Empörungspoten­zial mehr zu geben. «Als die Geschichte so hochgekocht ist, bin ich zu meinem Agen­ten gegan­gen und habe ihm gesagt, ich wolle nie wieder schreiben.» Diese Krise hat Roberto Saviano jetzt hin­ter sich. Auss­chlaggebend war die Parteinahme der Anti-Mafia-Kommission und der Polizei. «Der Staat­san­walt Raf­faele Di Anto­nio hat sogar öffentlich gesagt, dass nicht nur alles stimme, was in meinem Buch steht, son­dern dass ich in manchen Fällen sogar eher milde bin.»
Inzwis­chen sind wir längst beim Kaf­fee ange­langt. Die Cara­binieri holen den Wagen, wir steigen ein und unter­hal­ten uns eine Weile über den All­tag, den Roberto Saviano jetzt führt. Als wir das Gerichts­ge­bäude passieren, deutet er auf ein Bek­lei­dungs­geschäft gegenüber. «Auch eine Investi­tion der Clans», murmelt er. Was wird er jetzt tun? Wieder in die Staat­san­waltschaft fahren und Akten lesen. Weit­er­ar­beiten. Weiterleben.