“Wie kannst du so leben? Geh fort!”
Weil er immer wieder die Machenschaften der Mafia offenlegt und die Bosse beim Namen nennt, lebt der Journalist Roberto Saviano seit Jahren unter ständigem Polizeischutz. Für die ZEIT schildert er seine Eindrücke einer Lesereise durch Deutschland.
Am 18. März verlasse ich Rom in Richtung Köln. Ich bin zum Abendessen eingeladen und treffe auf ungewöhnliche Tischgenossen: Martin Amis und Jeffrey Eugenides. Ich fühle mich befangen und ungewohnt frei zugleich. Sie haben mich nicht erkannt, und so bin ich in der seltenen Lage, ihrer Unterhaltung als stiller Zuhörer folgen zu dürfen.
Irgendwann beschließe ich, ihnen für das zu danken, was sie für mich getan haben. Immer wieder treffe ich Schriftsteller, die mir vor Jahren mit ihrer Unterschrift ihre Solidarität bekundet haben, ohne dass ich mich bei ihnen hätte bedanken können. Wenn ich ihnen dann oft rein zufällig begegne, ist dies das Erste, was ich tue.
»Danke, Jeffrey. Danke, dass du 2008 diesen Unterstützungsaufruf für mich unterschrieben hast. Er ist ein Appell für die Meinungsfreiheit.« Eugenides sieht mir in die Augen. »Selbstverständlich. Ich habe deine Situation nicht angesprochen, weil ich nicht aufdringlich sein wollte, aber erzähl: Wie ist dein Leben? Wie lebst du? Wo?«
Jeffrey hatte mich sehr wohl erkannt, aber eine Diskretion an den Tag gelegt, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe: Da ist einer, der spürt, dass man einfach nur dasitzen und etwas essen möchte, anstatt ständig über sich selbst und seine Situation zu reden.
Ich erzähle ihm von meinem Leben, dessen Widrigkeiten, meinen Plänen in Amerika. Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen aus. »Wieso lebst du nicht hier – oder besser dort?« Er lacht, wir sind ja in Köln. »Komm nach Amerika.«
Was mir an Eugenides so gefällt, ist sein Blick beim Schreiben. Diese nahezu einmalige Besonderheit, dass seine Geschichten von anderen Standpunkten als dem eigenen ausgehen. In seinen Büchern findet sich nie nur der alleinige Blick des Erzählers, sondern eine Vielfalt von Stimmen. Weil er öffentliche Auftritte scheut und man kaum etwas über sein Privatleben weiß, könnte man meinen, wenigstens in seiner Arbeit gäbe er sich preis und ließe seinem Ich freien Lauf, doch dem ist nicht so: Seine Bücher sind Choräle. Eine seltene Gabe.
Kaum habe ich Martin Amis begrüßt, sagt er: »Keine Sorge, du kommst aus dieser elenden Sache raus. Genauso wie Salman Rushdie, wie Pamuk. Und wenn es so weit ist, werden wir da sein. Wir Schriftsteller werden da sein.« Amis’ Memoiren Die Hauptsachen habe ich geliebt. Ein ehrliches, äußerst klar blickendes Selbstbildnis, das dem Leser die nackte Seele offenbart. Beim Lesen war ich berührt, erschreckt, empört, als wären diese Tode meine, als gingen diese Medienattacken gegen mich, als widerführe all das mir und ich durchlitte es am eigenen Leib. Als hätte ich mit diesem Leben etwas zu tun. Und dann Koba der Schreckliche, diese wichtige Erzählung über die Kommunistische Partei Englands, der auch Amis’ Vater angehörte und die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von sämtlicher Verantwortung und Konnivenz lossagte, statt sich zu reformieren oder neu zu erfinden. Der Untertitel spricht Bände: Die zwanzig Millionen und das Gelächter. Seit Jahren lese ich Martin Amis, ich las ihn schon, als ich selbst noch gar nicht schrieb, und es ist ein seltsames Gefühl, Schriftstellern zu begegnen, die einen geprägt haben. Gleichaltrige Autoren zu treffen, die mehr oder weniger zeitgleich mit einem selbst debütiert haben, oder solche, die man gelesen hat, als man selbst schon schrieb, ist leichter. Aber Schriftstellern zu begegnen, ohne die man niemals mit dem Schreiben angefangen hätte, ist schwer. Martin Amis ist einer von ihnen. Ich habe seine Bücher verschlungen, seinen Lesungen entgegengefiebert, und ihm jetzt gegenüberzusitzen ist ein wenig so, als begegnete man dem Teil von sich, der einen mal unnachgiebig, mal nachsichtig sein lässt, der einem Kühnheit und gleich darauf Besonnenheit verleiht. Fragmente des eigenen Wesens, die diesen Büchern entstiegen sind und sich in einem Menschen bündeln.
Dann kehrt man wie immer ins Hotel zurück. Wenn ich nicht in einer Kaserne untergebracht bin, werde ich mit einer strengen Eskorte in ein Hotel eingeschlossen. Es ist schrecklich, auf Reisen zu sein und nichts zu Gesicht zu bekommen als vollkommen identische Hotelzimmer.
Am 19. März treffe ich meine Leser zu einer Podiumsdiskussion mit dem stern- Journalisten Dominik Wichmann. Wichmann ist kaum älter als ich, blickt mich mit wachen, blauen Augen an und drückt mir lächelnd die Hand. Mehrere Stunden unterhalten wir uns vor über tausend Zuschauern, als säßen wir gemütlich bei Freunden im Wohnzimmer. Mein letzter Deutschlandbesuch im Oktober 2010 anlässlich eines Auftritts in der Berliner Volksbühne ist bereits eine Weile her, doch die Anteilnahme und Empathie ist gleich geblieben. Ich stoße auf Interesse, auf den aufrichtigen Wunsch, zu verstehen, sich hineinzudenken. Ich stoße auf aufgeschlossene Menschen, die Einzelfälle wie die des sich verändernden Italiens als universale Geschehnisse begreifen, als universale Schicksale, die uns alle betreffen und von denen das Überleben Europas abhängt. Diese großartige Eigenschaft überrascht mich stets aufs Neue und macht mir vor allem Hoffnung, dass sich eine gemeinsame Basis des Denkens finden lässt.
Am 20. März wache ich im Morgengrauen auf. Ich bin unruhig, vielleicht ein wenig aufgeregt: Ich werde Bahn fahren. In Italien habe ich das seit über sechs Jahren nicht mehr getan. Das letzte Mal war ich gerade auf dem Rückweg von einem Literaturfestival in Pordenone, als mir eröffnet wurde, dass man mich unter Polizeischutz stellen würde. Ein befreundeter Carabiniere rief mich an.
»Roberto, wo bist du?«
»Im Zug.«
»Am Bahnhof warten zwei Carabinieri auf dich. Die holen dich ab und bringen dich in eine Kaserne, dann erklären wir dir alles.«
»Du machst Witze, oder?«
»Nein, Robbè, das ist kein Witz, die Situation ist ernst.«
So sind damals meine letzten Stunden in einem italienischen Zug wie im Flug vergangen, fortgewischt von zahllosen Gedanken und Ängsten, die mir durch den Kopf schwirrten. Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde. Es waren schreckliche Stunden, und doch waren sie nicht annähernd vergleichbar mit denen, die folgen sollten. Wenn ich an jene Zugreise denke, fühle ich mich leicht und frei. Meine letzten Stunden Freiheit.
Bahnfahrt Köln–Stuttgart. Bei meiner Ankunft treffe ich auf Wolfgang, einen gewissenhaften, aufmerksamen Anti-Mafia-Polizisten. Er bestätigt meine Befürchtung, dass das Fehlen einer gesamteuropäischen gesetzlichen Basis für Mafia-Delikte ein großes Handicap darstellt. Er erzählt mir, wie zäh die Verständigung zwischen Deutschland und Italien ist und dass die italienischen Kollegen die Arbeit der Behörden jenseits der Alpen häufig unterschätzen. In Stuttgart wird schmutziges Geld aus Sizilien und Kalabrien investiert, doch bis die Informationen nach Italien gelangen und Reaktionen erzeugen, vergehen Monate oder gar Jahre, in denen das Geld zu Zement und der Zement wieder zu Geld, Geldwäsche und Drogenhandel wird. Und solange kein Blut fließt, gilt die Arbeit von Wolfgang und seinen Mitstreitern als überflüssig und sinnlos.
Am Abend des 20. März treffe ich im Theaterhaus Stuttgart auf Ulrich Ladurner, Journalist der ZEIT mit Südtiroler Wurzeln. Alle Menschen, die ich auf meiner Reise durch Deutschland treffe, haben wichtige Geschichten zu erzählen. Als Ulrich noch nicht für die ZEIT arbeitete und in Italien lebte, war er bei der Polizei. Als Italiener überrascht mich das ein wenig. In Italien Journalist zu werden ist nicht nur äußerst schwierig, sondern setzt auch einen ganz bestimmten Werdegang voraus: Hochschulabschluss, Praktika in verschiedenen Lokalredaktionen, und wenn man Glück hat, schafft man den Sprung nach oben. Im Grunde gilt das mehr oder weniger für alle Berufe, und hat man erst einmal einen Weg eingeschlagen, wird es einem schwer gemacht, wieder umzudrehen. Ein Neustart ist heikel, es fehlt die Zeit, und während man noch überlegt, den Kurs zu wechseln, macht der Arbeitsmarkt dicht oder verändert sich, und am Ende bleibt man auf der Strecke. Ein Arbeitsmarkt wie der italienische gibt einem kaum die Chance, andere Bereiche kennenzulernen, andere Möglichkeiten auszuloten und Erfahrungen zu sammeln. Deshalb ist ein Polizist, der auf Journalist umsattelt, für mich so erstaunlich.
Am nächsten Morgen sitze ich im Flugzeug nach Berlin, wo ich mit Herta Müller zu Abend esse. Wie viel Energie in diesem zierlichen Körper steckt. Wie viel Feuer in diesen hellen Augen. Vielleicht ist es dieses Bild, das ich von meiner Deutschlandtour mitnehme: ihre Augen und ihre Hände, die bei Tisch mit der Serviette spielen. Sie wirkt wie ein Kind, frei und unbeschwert, was unbegreiflich ist, wenn man weiß, was sie erlebt hat. Herta hat über das Leben in Rumänien unter Ceaușescu geschrieben. Die Fabrik, für die sie arbeitete, entließ sie, weil sie sich weigerte, mit der Securitate zusammenzuarbeiten. Nach ihrer Ausreise nach Deutschland erfährt sie, dass es zwei Akten über sie gibt: Eine stellt sie als »Regimefeindin« dar, in der anderen wird ihr ein plausibel klingendes Parallelleben als Securitate-Kollaborateurin angedichtet. Ich frage mich, wie dieser zierliche Körper es fertigbrachte, solch eine Last zu tragen. In der Nacht schlafe ich nicht. Ich denke an Herta Müller. Ich habe ihre Worte im Ohr: »Wie kannst du so leben? Das ist doch kein Leben. Geh fort, weit weg, hol dir dein Leben zurück.« Ich kann nicht schlafen, denn während Herta redete und mir nahelegte, fortzugehen und alles hinter mir zu lassen, sagten ihre durchscheinenden Augen etwas anderes. Sie sagten: »Ich verstehe dich, ich verstehe, warum du nicht fortgehst. Wie könntest du aufhören zu schreiben? Wie könntest du aufhören, deine Arbeit zu tun?« Und dieses Verständnis, das ich in ihren Augen zu lesen meinte, raubt mir den Schlaf. Es war die Bestärkung eines Schicksals, das nicht gänzlich in meiner Hand liegt.
Am 21. März bin ich mit Klaus Staeck, Frank A. Meyer und dem großartigen Schauspieler Ulrich Matthes in der Akademie der Künste. Matthes spielt den Joseph Goebbels in dem Film Der Untergang, der in Italien den Zusatz »Hitlers letzte Tage« trägt. Das italienische Fernsehen zeigte diesen Film während des Zusammenbruchs der Regierung Berlusconi. Viele von uns konnten sich damals des ironischen Gedankens nicht erwehren, wie gut der Filmtitel zu unserem Gemütszustand passte.
Tags darauf bin ich wieder unterwegs, diesmal nach München, die letzte Etappe. Auch über diese Stadt kann ich kaum etwas sagen, nur so viel: Von Annette Pohnert, die mich während der ganzen Reise begleitet hat, bin ich mit Schokolade überhäuft worden. Der Abend in der Ludwig-Maximilians-Universität war für mich bewegender als erwartet. Anlässlich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises war ich zwar schon einmal dort gewesen, doch in einer Universität zu sprechen ist jedes Mal wieder überwältigend, das Herz klopft heftig, und jegliche Routine ist hinfällig. Wieder kam so vieles zur Sprache, über das man in Italien nur schwer reden kann: überzogene Anti-Mafia-Maßnahmen, das Vertrauen in reuige Mafiosi oder die Rolle der Abhöraktionen. In Deutschland habe ich über Themen gesprochen, die man in Italien nicht zur Sprache bringen kann – zumindest nicht in der Form. Es müssten zu viele Erklärungen vorausgeschickt, zu viele Gemeinplätze abgebaut werden.
Und so komme ich zum Fazit meiner langen Deutschlandreise, denn ein solches gibt es, und aus Respekt vor meinen Lesern und mir selbst will ich es nennen.
Alles nimmt hier seinen Anfang: Ich treffe Anna Leube, die ich seit langer Zeit nicht gesehen habe. Für mich ist Anna, meine Lektorin beim Hanser Verlag, eine Art Inbild des deutschen Verlegertums. Anna ist eine wunderbare Frau. Groß, klug, hochgebildet. Mit größter Leichtigkeit und ohne eine Spur von Snobismus kann sie über die komplexesten Themen reden. Sie ist der Inbegriff der intellektuellen Frau: frei, beschlagen, freundlich, aufmerksam, unideologisch. Ihr gegenüber empfinde ich fast so etwas wie Ehrerbietung; was sie mir sagt, kann ich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es trifft mich in der Seele.
Wenn sie der Ansicht wäre, etwas, das ich geschrieben habe, sei nicht gut, würde ich nicht versuchen, sie umzustimmen und davon zu überzeugen, dass es doch funktioniert. Ich würde ihr Urteil annehmen. Und als sie mich bei unserer Begrüßungsumarmung husten hört und mich sofort in mein Hotelzimmer zurückschickt, damit ich mir einen Pulli hole, versuche ich gar nicht erst, ihr zu sagen, dass ich keinen Pulli brauche, dass ich mich prima fühle und mit 30 Jahren bestens selbst mit meinen Erkältungen fertigwerde. Wie ein Soldat leiste ich Gehorsam. Auch das ist mein Verhältnis zu Anna, und in gewisser Hinsicht hat es etwas extrem Beruhigendes. Sie erkundigt sich nach meinem neuen Buch, und das auch, weil sie überzeugt ist, dass darin meine Bestimmung liegt, dass dies mein Raum und meine Freiheit ist: wieder zu schreiben, um wieder zu leben. »Ich will Bücher, keine Artikel zwischen zwei Buchdeckeln.«
Sie hat mich erzählen sehen und begriffen, dass es das ist, was ich will. Sie sagt mir nur, dass ich entscheiden muss, was aus mir werden soll: Mein schwieriges Leben ist dadurch, dass man mich in den letzten Jahren zum Saubermann gegen die schmutzige Politik erklärt hat, noch schwieriger geworden. Ich gelte als positives Symbol, als eine Art Gütesiegel, das für die Echtheit einer Sache steht. »Du bist Schriftsteller, kein Gütesiegel oder Symbol. Du bist weitaus mehr als ein Echtheitszertifikat oder eine Anti-Mafia-Garantie.«
Und das ist das Fazit. Das habe ich in Deutschland begriffen. Ich habe begriffen, dass ich meinem Publikum und meinen Lesern ohne Furcht begegnen will. Ohne die ständige Panik, auf frischer Tat ertappt zu werden, ein Bein gestellt zu kriegen. Ohne die Angst, dass dauernd jemand versucht, mich von dem Sockel zu reißen, auf den man mich gehoben hat. »Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch«, lautet mein Schlusssatz von Gomorrha. Ich lebe und schreibe noch. Das sage ich jetzt. Und immer. Und ohne Furcht.
Übrigens, ich arbeite gerade an einem Projekt fürs Fernsehen. Wenn daraus etwas wird, sehen wir uns in Deutschland bald wieder.
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull.
