Sie sind wieder da

Sie sind wieder da

Die US-Regierung rüstet sich gegen die Camorra, denn sie bedroht das Land wie lange nicht mehr. Italien sollte sich dem Kampf anschließen.

Little Italy in New York City - © TIMOTHY A. CLARY/AFP/Getty Images

Es ist eine Revolution. Zum ersten Mal bezeichnet die amerikanische Regierung die Camorra als »eine der vier gefährlichsten Verbrecherorganisationen für die wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten« – neben dem mexikanischen Los-Zetas-Kartell, der russischen Mafia-Bruderschaft und der japanischen Yakuza. Die Camorra ist damit nicht mehr nur ein fernes kriminelles Problem, das man der Ethik wegen bekämpfen sollte. Nein, die neapolitan mafia, wie man sie in Übersee nennt, ist nun eines der größten Wirtschaftsprobleme der Vereinigten Staaten von Amerika.

Alles begann mit einer Mitteilung von Präsident Obama aus Anlass einer Pressekonferenz in Washington. Beigefügt war ihr eine detaillierte Beschreibung des Phänomens: Die kriminellen Netzwerke, so stand dort, sind im Begriff, ihre Operationen über die nationalen Grenzen hinweg auszuweiten, ihre Tätigkeitsbereiche zu diversifizieren und insgesamt komplexer und raffinierter zu werden. »Sie vereinigen sich mit korrupten Regierungselementen und nutzen deren Macht und Einfluss, um ihre kriminellen Machenschaften voranzutreiben.« Die US-Regierung betont, dass die Camorra sich umso tiefer ins Wirtschaftssystem eines Staates einnisten und ihn damit umso mehr gefährden kann, je enger sie sich mit der Regierung verbündet hat.
Schon im Januar dieses Jahres zeigte sich, was Washington über die italienischen Mafia-Vereinigungen denkt. WikiLeaks veröffentlichte damals die Depeschen des ehemaligen amerikanischen Konsuls von Neapel, J. Patrick Truhn, die dieser im Juni 2008 an seine Regierung gesandt hatte. Truhn berichtete darin von Lebensmitteln, die importiert und dann als italienische Produkte verkauft würden: moldawische Äpfel, mit Pestiziden vergiftet, marokkanisches Salz, von Kolibakterien durchsetzt. Außerdem berichtete er, dass zwei Drittel der regionalen Brotfabriken von Mafia-Clans kontrolliert würden und dass das Brot mit toxischen Zusätzen versehen sei. Dass der Mozzarella in Caserta zuweilen aus bolivianischem Milchpulver hergestellt werde und dass in Kampanien illegale Abfälle aus ganz Italien vergraben würden. Mit Blick auf Kalabrien sprach der Konsul von einem Gebiet, das sich ganz »in der Hand von Erpressern und Drogenhändlern« befinde, mit einer Bevölkerung, »der jeglicher Optimismus abgeht und die ihre lokalen Politiker für unfähig und korrupt hält«. Viele amerikanische Unternehmer weigerten sich, in Süditalien zu investieren, aus Angst vor der Mafia, schrieb der Konsul. Und er schloss mit den Worten: »Die von der Organisierten Kriminalität verursachten Kosten belasten letztendlich fast jeden italienischen Bürger, sei es auf direktem oder indirektem Weg [...]. Wir müssen die neue italienische Regierung davon zu überzeugen suchen, dass das Organisierte Verbrechen für die amerikanische Regierung ein ernstes Problem darstellt und dass die absurd hohen Kosten dieses Verbrechens ein ausreichendes Argument dafür sind, sofort zu handeln.« Der Bericht des Konsuls ging an den zuständigen Staatssekretär, an die CIA, ans FBI, an die DEA und an 18 weitere amerikanische Regierungsstellen.

Auf die Enthüllung der Depesche reagierten die italienischen Politiker mit der Versicherung, es werde bereits alles Notwendige getan, um die Mafia zu bekämpfen, im Übrigen seien die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten hervorragend. Damit kamen sie durch, weil es sich damals »nur« um Berichte handelte, die von WikiLeaks veröffentlicht worden waren. Das geht jetzt nicht mehr. Diesmal handelt es sich um eine offizielle Stellungnahme der amerikanischen Regierung. Vor Kurzem hat sie einen Aktionsplan mit dem Titel Strategy to Combat Transnational Organized Crime entworfen. Er wurde, mitsamt dem Geleitwort Barack Obamas, in einer Pressekonferenz im Weißen Haus vorgestellt, an der unter anderem Justizminister Eric Holder, Heimatschutzministerin Janet Napolitano sowie Sicherheitsberater John Brennan teilnahmen.

Der Neuaufstieg der neapolitanischen Mafia ist im Fernsehen zu besichtigen

Dieses Dokument und vor allem die Einsicht, dass die Camorra eine durchstrukturierte verbrecherische Organisation ist, die eingedämmt werden muss, sind alles andere als Selbstverständlichkeiten. Für die Amerikaner spielte die neapolitan mafia in den vergangenen Jahrzehnten im Vergleich zur sizilianischen Cosa Nostra und zur kalabresischen ’Ndrangheta eine marginale Rolle. Das könnte daran liegen, dass die italoamerikanische Mafia in einer tiefen Krise steckt. Der Rico Act (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act) – ein Anti-Mafia-Gesetz, das im Falle eines Verbrechens Klageerhebung gegen sämtliche Mitglieder einer kriminellen Vereinigung vorsieht, auch wenn nur einer oder einige von ihnen aktiv an der Tat beteiligt waren – hat ihr buchstäblich das Rückgrat gebrochen.

In den sechziger und siebziger Jahren wurden die italoamerikanischen Vereinigungen wie große Schwestern der italienischen Gruppierungen betrachtet; in New York beherrschte die Mafia große Teile des Baugewerbes und der Müllentsorgung. Diese Macht verlor sie jedoch nach und nach, da die neuen Mafiosi-Generationen nicht mehr über die Erfahrung und das diplomatische Geschick ihrer Väter verfügten. Deshalb begann der Mafia-Boss Carmine »Lilo« Galante um die Mitte der siebziger Jahre, neue Mitglieder direkt in Sizilien zu rekrutieren: in der Hoffnung, sie seien verlässlicher, skrupelloser und weniger den Bequemlichkeiten und Extravaganzen der Neuen Welt verfallen. Wenn nun eine der New Yorker »Familien« irgendeine delikate Operation zu Ende bringen muss, lässt sie zu diesem Zweck »Vertrauenspersonal« aus Italien kommen.

Was übrig blieb von der alten italoamerikanischen Mafia, ist eine Art Unterwelt, die aber mehr ästhetischen als realen Charakter hat. In den USA nennt man sie »Guidos«: durchtrainierte, braun gebrannte Jungs mit protzigen goldenen Ringen und Ketten und gegeltem Haar, die ihre Gesichter beim Essen dicht über die Teller hängen und einen Slang reden, der sich nach italienischer Verballhornung anhört. Eine Mafia zum Vorzeigen: Es gibt sogar eine Reality-Show namens Mob Wives, die das Alltagsleben von vier italoamerikanischen Mafiosi-Frauen darstellt, deren Männer allesamt wegen Mafia-Verbrechen einsitzen.

In New York aber verwalten noch immer die fünf großen Mafia-Familien – die Gambino, Colombo, Bonanno, Lucchese und Genovese – das Know-how der Organisierten Kriminalität, auch wenn heute so gut wie keiner mehr diese Namen trägt. Währenddessen hat es die Camorra geschafft, abseits des Rampenlichts Wurzeln zu schlagen. Beginnend mit dem berühmtesten Gangster aller Zeiten, mit Alfonso Capone, genannt Al, gebürtig aus der Provinz Neapel, der davon träumte, dereinst in seine Heimat zurückzukehren und sie »samt und sonders aufzukaufen«, bis hin zu den vielen in den vergangenen Jahren aufgedeckten Geschäften fand stets ein reger Austausch zwischen der Camorra und den Vereinigten Staaten statt. So wurden Warenfälscherringe aufgedeckt, die von der Camorra kontrolliert werden: gefälschte Bosch-Schlagbohrer und Canon-Kameras, Lederbekleidung, aus dem Orient importiert oder in der Provinz Neapel hergestellt, die dann in den Läden zusammen mit den Originalen zum Verkauf angeboten werden.

In einem Erlass aus dem Jahr 2005 wiesen die Untersuchungsrichter der neapolitanischen DDA (Direzione Distrettuale Antimafia) nach, dass das Monopol für den Fälschermarkt in Europa, Amerika und Australien jahrelang in den Händen eines kriminellen Netzwerks lag, das unter anderem aus neapolitanischen Unternehmern bestand, die Geschäftsbeziehungen mit Camorra-Familien unterhielten. In der Folge wurden nicht nur Angehörigen der Mafia-Clans Handschellen angelegt, sondern auch Inhabern von großen neapolitanischen Bekleidungsunternehmen. Paolo Ottaviano, der als Boss des Mazzarella-Clans gilt und 2008 verhaftet wurde, hatte im Auftrag des Clans den Handel mit gefälschter Ware kontrolliert. Laut Aussage einiger Mafia-Kronzeugen reiste er ständig zwischen Italien und den USA hin und her, um die Geschäfte des Clans abzuwickeln. Aus einer Ermittlung der DIA (Direzione Investigativa Antimafia) von Neapel und Padua vom April 2011 geht hervor, dass ein in Padua ansässiger Hersteller von Müllverbrennungsanlagen es zum Marktführer in vielen Teilen der Welt gebracht hat, unter anderem auch in New York, mit Firmensitz nahe der Wall Street, und zwar dank beträchtlicher Geldsummen, die ihm von Cipriano Chianese zugeflossen sind, dem Boss des Canalesi-Clans, auch bekannt als König des Mülls.

Dass die neapolitan mafia dabei war, wieder Terrain zu gewinnen, bemerkte die Filmindustrie noch vor der Polizei. Die Sopranos, berühmteste TV-Mafia-Familie, stammen dem Drehbuch zufolge aus Avellino, und obwohl sie inzwischen in jeder Hinsicht Amerikaner sind, unterhalten ihre Angehörigen stets noch Verbindungen zum »Mutterhaus«. In einer berühmten Folge begeben sich die Protagonisten von ihrem Wohnort New Jersey aus auf eine Geschäftsreise nach Neapel, um dort einen Handelsvertrag für gestohlene Autos abzuschließen. Und ebenfalls in Neapel macht Tony Soprano sich auf die Suche nach zuverlässigen Auftragskillern – ganz so, wie es in den siebziger Jahren Carmine »Lilo« Galante getan hatte.

All dem stehen die Millionen Italoamerikaner entgegen, die in den Staaten leben und darunter zu leiden haben, dass man sie für Mafiosi hält. Es ist ein Vorurteil, das auch deshalb Schaden anrichtet, weil es sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Deutschland den intakten italienischen Gemeinschaften zu verdanken ist, dass die Mafia sich nicht weiter ausbreitete. Italiener haben der ganzen Welt vorgemacht, wie man die Mafia bekämpft: Es gilt, die Erinnerung an jene zu pflegen und hochzuhalten, die sich den Mafia-Vereinigungen widersetzt haben, und den Einsatz und Opfermut zu würdigen, den jene Unternehmer aufbringen mussten, die »sauber« blieben.

Schluss mit den Ausflüchten, Italien muss das Alarmsignal hören!

So versteckt die Einladung der US-Regierung zur Mitarbeit, so unverhüllt ist die Kritik an der italienischen Regierung. Sie kommt jedoch nicht unerwartet. Unser Land steht seit geraumer Zeit unter Beobachtung, jetzt wird abgerechnet. In den Vereinigten Staaten spricht man von der Camorra als einer Gefahr für die Demokratie, während man sie in Italien merkwürdigerweise für besiegt erklärt. Und die bloße Erwähnung der offensichtlichsten aller Wahrheiten, nämlich der Tatsache, dass die meisten Mafia-Geschäfte im Norden des Landes stattfinden, hat eine Welle von Ärger und Wut bei den regierenden Parteien ausgelöst, die gerne leugnen würden, dass die Mafia sich auch in jenen Regionen eingebürgert hat, aus denen sie ihre Wählerstimmen beziehen.

Denen, die meinen, über das Organisierte Verbrechen zu reden bedeute, Italien zu diffamieren, antworte ich, dass unser Land die ältesten Anti-Mafia-Organe der Welt besitzt und dass wir die Einladung der amerikanischen Regierung mit Begeisterung aufnehmen sollten; denn wir könnten zu einem wertvollen Verbündeten im Kampf gegen die kriminellen Organisationen werden.

Das Vorgehen der Amerikaner taugt als Schlag gegen die versteinerte Gleichgültigkeit der italienischen Öffentlichkeit, die es zuließ, dass Nicola Consentino ungestraft für das wichtige Amt des Vize-Wirtschaftsministers nominiert wurde, obwohl er derzeit wegen Beihilfe zu diversen Mafia-Verbrechen unter Anklage steht. In Neapel wurden Ermittlungen eingeleitet, von denen auch Mitglieder der Regierung und der Mehrheitsparteien betroffen sind, darunter sogar der Regionalpräsident von Neapel, Luigi Cesaro. Ebenfalls in Neapel überprüft die Staatsanwaltschaft einen Bericht, in dem ein Zusammenhang hergestellt wird zwischen Camorra, Unternehmen und korrupten Mitgliedern der Ordnungskräfte.

Wenn die italienische Regierung fortfährt mit ihren Bagatellisierungen und billigen Ausflüchten oder wenn sie, schlimmer noch, das aus Amerika kommende Alarmsignal ignoriert, liefert sie einen weiteren Beweis ihrer Schwäche und Unzuverlässigkeit, und zwar in einem extrem kritischen Moment.

Aus dem Italienischen von Sabina Kienlechner

 

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